Enfant terrible und Femme fatale

Enfant terrible und Femme fatale

Egon Bondys „Die ersten zehn Jahre“
Egon Bondy | © wikimedia commons

Die Biographie Egon Bondys liest sich wie der Stoff eines Romans, der freilich in Distanz rückte, was er tatsächlich erkämpft und erlitten hat. Der Dichter und Philosoph, den man den Vater des tschechischen Untergrund nannte, starb 2007. Sein 1981 entstandenes Buch „Die ersten zehn Jahre“, das die Prager Avantgarde der Nachkriegsjahre aufscheinen lässt, ist jetzt auf Deutsch erschienen, und Alexandru Bulucz hat es gelesen.

Zbyněk Fišer hieß mit bürgerlichem Namen der unter dem Pseudonym Egon Bondy bekannte tschechische Dichter und Philosoph. Der gebürtige Prager starb 2007 77-jährig in Bratislava, wo er seit 1993 aus Protest gegen die Teilung der Tschechoslowakei lebte. Erinnert wird er vor allem als ein Guru des Prager Untergrunds, zu dem er in den Siebzigerjahren geworden ist, auch weil die tschechische Undergroundband „The Plastic People of the Universe“ 1974/75 Gedichte von ihm vertonte; offiziell erschien die entsprechende Schallplatte 1978 im Ausland.

Den Grundstein seines intellektuellen Werdegangs hat Bondy unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelegt. Davon zeugt seine autobiografische Erzählung „Die letzten zehn Jahre“, die der Guggolz Verlag nun in der deutschen Übersetzung und mit kundigen Stellenkommentaren von Eva Profousová vorgelegt hat; mit den „letzten zehn Jahren“ ist Bondys Lebensabschnitt gemeint von 1947 bis zu seiner Anmeldung zum Philosophiestudium im Prag des Jahres 1957.
Bondy beendete seine Teilbiografie im September 1981. Er schrieb sie auf Wunsch einiger Freunde. Ausschlaggebend dafür, dass er sie zu diesem Zeitpunkt verfasst hat, scheint aber vielmehr der unzeitige Unfalltod von Honza Krejcarová im Januar 1981 gewesen zu sein. Die Tochter der tschechischen Journalistin und Kafka-Bekannten Milena Jesenská ist zwar nur eine unter Dutzenden von Figuren des Prager Untergrunds, an die Bondy in seinen Schilderungen erinnert, wird von ihm aber am ausführlichsten porträtiert. Bondy, das Enfant terrible, und Krejcarová, die Femme fatale – mit anderen gewissermaßen die großen europäischen Geschwister der amerikanischen Beatniks – gaben 1949 im Samisdat die Anthologie „Jüdische Namen“ heraus und setzten damit ein Zeichen gegen den anhaltenden Antisemitismus in ihrem Land. Dafür legte sich Zbyněk Fišer den jüdisch klingenden Künstlernamen Egon Bondy zu, den er bis an sein Lebensende behalten sollte.

Das Selbstzeugnis setzt harmlos ein. Bondy, Sohn eines hohen Offiziers im Ruhestand, ist frisch verliebt und schmeißt die Schule hin, die „zu etwas so Grundsätzlichem wie Liebe“ nicht passe. Er versteht sich als Surrealist und Marxist und beginnt ein Leben als mittelloser Bohemien mit ständig wechselnden Schlafstätten, der die gesellschaftlichen Normen seiner Zeit ablehnt. Als Mitglied der Kommunistischen Partei beteiligt er sich in Lidice am „Bau der Jugend“, was er nach vier Wochen wieder sein lässt.
Die wirklichen Schwierigkeiten im Leben des Egon Bondy beginnen erst kurz darauf, mit dem sogenannten Februarumsturz, der Machtübernahme der Kommunistischen Partei in der Tschechoslowakei im Februar 1948.
„Wie alle jungen Menschen neigte ich dazu, die Welt zu gradlinig zu sehen. Marxismus, Revolution, Aufbau der klassenlosen sozialistischen Gesellschaft, das alles lag klar und problemlos auf der Hand, und wer dagegen war, der war ein Reaktionär. Aber schon ein paar Wochen nach dem Siegreichen Februar konnte ich einige aus meiner Sicht eklatante Vorfälle nicht ignorieren.“
Die ganze Brutalität des neuen Regimes geht Bondy auf, als sein Intellektuellenfreund Záviš Kalandra im Sommer 1950 im zweiten großen Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet wird. Er erfährt es aus einem Zeitungsfetzen auf dem Klo einer Wiener Arreststube und erklärt sich noch vor Ort zum erbitterten Feind der Sowjetunion.

Der von Geldsorgen Geplagte war da schon auf der Flucht vor Militärdienst und Arbeitspflicht und versuchte sich als Warenschmuggler zwischen Prag und Wien. Hier bietet er dem französischen Geheimdienst sogar an, mit „bakteriologischen Waffen“ in Form von infizierten Flöhen gegen die sowjetische Machtelite vorzugehen, einschließlich Stalin – eine der zahlreichen skurrilen Anekdoten Bondys. Dass ihn nicht ein ähnliches Schicksal ereilt wie Záviš Kalandra, verdankt er vor allem seinem Vater, der immer wieder für die Aufenthalte des Sohnes in der Psychiatrie sorgt und den Behörden damit die klinischen Gründe für dessen Aktionen liefert.

Den roten Faden der Erzählung bildet jedoch die unbeständige Liebesbeziehung zwischen Egon Bondy und Honza Krejcarová. Sie finden stets zueinander.
„Einzelne Erlebnisse werden ohne Rücksicht auf Chronologie an die Oberfläche meines Gedächtnisses katapultiert, die meisten davon schmerzlich, weil Honza Krejcarová einem Naturelement glich, sie behandelte alles und alle um sie herum mit einer absoluten Gleichgültigkeit, schmerzvoll und faszinierend zugleich. Ihrer Anziehungskraft konnte sich keiner entziehen – es sei denn, man hätte sich eine kürzere oder längere Zeit buchstäblich vor Honza versteckt, aber auch dann, auch Jahre später, konnte man ihr wieder verfallen.“
Die politische Marginalisierung, wenn nicht sogar Verfolgung alternativer, künstlerischer Lebensformen wird besonders an Honza als Frau deutlich. Die beiden Unangepassten müssen betteln, sind von Obdachlosigkeit betroffen, er wird Alkoholiker, sie muss sich als Prostituierte verdingen, und ein nicht unwesentlicher Grund, Mutter von mehreren Kindern zu werden, ist ihr die staatliche Fürsorge, die sich daraus ergibt. Bondy scheut nicht davor, sie als Nymphomanin zu zeichnen, die nicht ausmachen kann, wer der jeweilige Vater ihrer Kinder ist.

Gegen Ende seines Berichts steckt Bondy schon tief in philosophischen Fragen marxistischer, ontologischer und buddhistischer Natur. Der Existenzialismus seines Lebensstils hat ihn dorthin geführt. Wurde er vor dem Februarumsturz von mehreren Seiten noch als Vorbild empfohlen, gilt er jetzt als „abschreckendes Beispiel“ für „eine ganze Generation gescheitelter (sic!) junger Männer“.
Das spektakuläre Selbstzeugnis aus dem Nachbarland taugt gewiss nicht zur Entmythologisierung der Legende Egon Bondy, der, wie sich herausstellte, auch Agent der tschechoslowakischen Geheimpolizei war. Er habe sich bei dessen Niederschrift, so Bondy verschmitzt in einer Anmerkung von 2002, auf „faktografische Zusammenhänge“ konzentriert und auf diese Weise „die Plastizität der damaligen Zeit“ verwischt. Wenn dem so wäre, wäre der Text verzichtbar, und man könnte stattdessen Lexika und Geschichtsschreibungen zu Rate ziehen, um mehr über den Zeitraum zu erfahren. Dem ist nicht so, denn „Die letzten zehn Jahre“ erschöpft sich nicht in der Chronologie von Ereignissen, sondern zeigt das Individuum in der bedrohten Lage zwischen machtvollen Fremdansprüchen und dem eigenen Begehren und wie er sich mit der Autonomie und der Unbedingtheit der Kunst hindurchnavigieren kann.

Letzte Änderung: 14.10.2023  |  Erstellt am: 14.10.2023

Die ersten zehn Jahre | © wikimedia commons

Egon Bondy Die ersten zehn Jahre

aus dem Tschechischen von Eva Profousová
Nachwort und Gedichtauswahl von Jan Faktor, übersetzt mit Annette Simon
ca. 236 S., geb.
ISBN 978-3-945370-41-4
Guggolz Verlag, Berlin 2023

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Kommentare

Manfred Luckas schreibt
Furioser Text, Sebastian Guggolz hat nicht zum ersten Mal einen Schatz gehoben. Dank ihm und Eva Profousovás Übersetzung rückt die tschechische Literatur, leider oft übersehen, endlich wieder an den deutschen Sprachraum heran. Sehr lesenswert das Nachwort von Jan Faktor, der zudem die Auswahl der Gedichte verantwortet. Die sind zwar zumeist im surrealistischen Nonsens-Dada-Duktus gehalten, einige sind aber schlichtweg poetisch und schön: „Ich fuhr mit dem Bus zur Endhaltestelle Wo die Blumen ihre Blüten öffnen Die Leute im Bus waren fröhlich erzählten was vom Frühling Es ist März"

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