Ein Sack Saatgut

Ein Sack Saatgut

Salman Rushdies Roman „Victory City“
Hampi | © wikimedia commons

Wer sich an den „Mitternachtskinder“ und „Harun und das Meer der Geschichten“ erfreut hat, wird sich mit „Victory City“ heimisch fühlen. Salman Rushdie, seit den „Satanischen Versen“ immer noch von der Fatwa mit dem Tode bedrohter, mit dem Messer attackierter, weltweit bedeutender Schriftsteller und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2023, hat seinen neuen Roman im mittelalterlichen Indien zwischen Realität und Mythos angesiedelt. Clair Lüdenbach hat sich in die Geschichte versenkt.

Im frühen 14. Jahrhundert gründeten die Brüder Harihara, genannt Hakka, und Bukka Sangama das Reich Vijayanagar. Soweit stimmt die Historie, auf der Salman Rushdie seinen jüngsten Roman „Victory City“ aufbaut. Die Reichsgründer, die tatsächlich aus einer Gemeinschaft der Viehhirten stammten, sind der Keim, aus dem der Autor seine märchenhafte Geschichte wachsen läßt. Pampa Kampana, die mit zweihundertsiebenundvierzig Jahren stirbt, legt aber vorher ein „gewaltiges Prosagedicht“ über das mit ihrer Hilfe entstandene Königreich in einen Tonkrug und vergräbt ihn im Herzen der untergangenen Königsfeste. „Jayaparajaya“, was so viel wie Sieg und Niederlage bedeutet, ist der Titel des Epos, das viereinhalb Jahrhunderte später aufgefunden wurde, so der Erzähler. Mit Hilfe der Sagengestalt Pampa Kampana spinnt Rushdie sein Märchen aus Historie, Epos und Fiktion zu einem komplexen Gefüge, wie es nur dieser Autor erdichten kann. Und das Dickicht seiner narrativen Bezüge läßt sich durch eine skizzenhafte Kurzfassung durchaus nicht lichten.

Nur wenig mehr als 200 Jahre existierte das Königreich Vijayanagar. Die Ruinen des heutigen Weltkulturerbes Hampi wirken wie die Reste der aus dem Nichts geschaffenen Stadt Vijayanagar. Eine multireligiöse Bevölkerung belebte die hochmoderne Metropole, in der Reisende und Händler aus allen Teilen Indiens, Asiens und der westlichen Welt verkehrten. Es waren turbulente Zeiten, als das Reich aufblühte. Vom Norden annektierten moslemische Eroberer das Land. Und Vijayanagar eroberte den größten Teil Südindiens. Ihren Aufstieg und Fall erzählt Rushdie durch seine Epos-Dichterin Pampa.

Zunächst erzählt Rushdie von Pampa, die als Neunjährige mit ansehen muß, wie ihre Mutter auf dem Scheiterhaufen des verstorbenen Königs des Freitod wählt. Schnell wurde ihr klar, nun wie eine Erwachsene leben und handeln zu müssen. Und sie sagte sich: „Sie würde dem Tod ins Gesicht lachen und sich dem Leben zuwenden. Sie würde ihren Körper nicht opfern, bloß um toten Männern ins Jenseits zu folgen“. Diese Einsicht und alles, was darauf folgte, gab ihr die Göttin Parvati ein, die Geliebte Shivas, deren ortsüblicher Name Pampa war. Zuerst einmal bleibt sie stumm. Sie lebt, sprachlos, nach langer, einsamer Wanderung, bei einem Asketen in seiner Höhle, bis nach neun Jahren die Brüder Hukka und Bukka Sangama in der Höhle auftauchten. Die Viehhirten hatten als Söldner für die moslemischen Eroberer im Norden gekämpft, nun suchten sie nach einem neuen Sinn in ihrem Leben.
Pampa Kampana beginnt zu sprechen und schickt die Brüder mit einem Sack Saatgut zu einer bestimmten Stelle, wo sie es aussäen sollten. Doch statt Getreide würde eine Stadt entstehen, prophezeite sie ihnen, ein neues Reich. Nach getaner Arbeit sehen die Brüder eine Stadt vor ihren Augen erstehen.

„Der Vollmond brach aus den Wolken hervor wie ein herabschwebender Engel und badete die neue Welt in seinem milchigen Licht. In dieser mondgesegneten Nacht zu Beginn des Beginns begriffen die Brüder Sangama, dass der Schöpfungsakt nur der erste von vielen notwendigen Akte war.“ Rushdie erweitert das breite Spektrum der Schöpfungsgeschichten in den Kulturen der Welt um eine weitere originelle Variante.

Die Brüder Sangama nahmen nach dem Willen ihrer göttlichen Einflüsterin Besitz von ihrer Stadt. Hukka, der Ältere, wurde König Raya I., und sein Bruder königlicher Ratgeber. Pampa Kampana kam und sah, daß ihr Werk noch nicht vollendet war. In langen meditativen Einflüsterungen wurden die Menschen zu Bürgern mit Wünschen, Träumen, Geschichte und einer Vergangenheit. Es war eine Stadt der Frauen, sie besetzten Schlüsselpositionen. Vor allem bewachten sie als kraftstrotzende Kämpferinnen den König und das Volk. Kaum waren die Viehhirten zu Herrschern verwandelt, kam der erste Gegenspieler in die Stadt, in den sich Pampa Kampana verliebte und den sie zum Namensgeber der Stadt machte. Er war ein rothaariger und grünäugiger Mann, und „Vijayanagar“ klang aus seinem Mund wie „Bisnaga“. Zum Vergnügen von Pampa und zum Ärger von König Hukka, der die Zauberin liebte, blieb Bisnaga der Name der Stadt. Salman Rushdie unterbricht immer wieder die Erzählung durch kursive Einschübe, womit er das Spiel zwischen Fantasie und Wirklichkeit zu erklären versucht: „…Bisnaga gehört nicht der Historie, sondern ihr (Pampa Kampana). Schließlich ist ein Gedicht kein Essay und keine Nachrichtenmeldung. Die Wirklichkeit der Dichtung und die der Imagination gehorchen eigenen Regeln….“

Rushdie erzählt ein immer komplexer werdendes und abenteuerliches Historien-Märchen. Pampa Kampana wird Geliebte des grünäugigen Weltenbummlers und Pferdehändlers Domingo Nunes und Königin an der Seite von Hukka Raya I. Sie gebiert drei Töchter, die eindeutig den Portugiesen zum Vater haben. Erst viel später kommen drei Königssöhne hinzu, die Hukka zugeordnet werden. Und als diese das Volk aufwiegeln, schickt sie die Mutter mit großem Gefolge nach Sri Lanka ins Exil.
Wie vieles in der großartigen Saga Rushdies erinnert diese Episode an das Ramayana, als Sita nach Sri Lanka entführt wird. Der Aufruhr im Volk verstummt nicht. Es beginnt der Kampf der Konservativen gegen die Progressiven, freies Denken soll eliminiert werden. Pampa Kampana versucht mit ihrem magischen Flüstern, die Rebellen umzuerziehen, und scheitert. „Auf diese Weise lernte Pampa jene Lektion, die jeder Schöpfer zu lernen hat, selbst Gott. Hatte man seine Geschöpfe einmal geschaffen, war man an deren Entscheidungen gebunden.“

In diesen turbulenten Zeiten schickt Rushdie Pampa und ihre Töchter mit ihren Lehrmeistern und Beschützern in einen Zauberwald. Sie rasen dahin im wilden Galopp auf superschnellen Pferden in eine Welt, in der die Zeit stehen blieb. Rushdie selbst erinnert hier an die Geschehnisse im Ramayana und Mahabharata, den altindischen Epen. In diesem Zauberwald leben unbekannte Menschen im Einklang mit Pflanzen und Tieren. Im Wald der Verbannten werden Vögel zu sprechenden Spionen für Pampa. Die Waldmenschen beunruhigt die Voraussage vom Einfall rosafarbener Affen. Ein Hinweis auf die englische Kolonialmacht?
Bei Rushdie ist es nicht mehr als ein trauriges Zukunftslied. Die Flüchtlinge beschäftigt ihre eigene Zukunft: „Ziellos verflog die Zeit, als schwebte sie auf Wogen der Trauer dahin. Ohne dass es jemand bemerkte, vergingen Jahre … in denen niemand älter zu werden schien, …als hätte der verzauberte Wald es so bestimmt.“
Rushdie löst seine Geschichte nicht im Zauber des Waldes auf. Das Schicksal Bisnagas verfolgt seine Erfinderin. Pampa verläßt den Wald der Guten und schleust sich mit magischem Geschick in ihre Stadt ein, ins Reich der Machtgier und Dekadenz. Hier fädelt der Schriftsteller sein Märchen wieder geschickt in den Lauf der Historie ein. Pampa wird zur Einflüsterin ihres dritten und letzten Sohnes, der zum guten König mutiert. Es erfolgt eine neue Blütezeit gefolgt von Kriegen mit Siegen und Niederlagen. Aber noch hält sich die Stadt Bisnaga mit ihren sieben Mauern. „Wir müssen ganz Bisnaga deutlich machen, dass Liebe über Hass triumphiert.“ Doch auch die Zauberin kann kein dauerhaftes, ideales Reich schaffen, in dem Toleranz und gegenseitiger Respekt und Zuneigung herrschen.

Das Reich geht nicht nur an der Unfähigkeit der Herrscher zugrunde, sondern Rushdie beschreibt gleichzeitig den Wandel in der Kriegsführung. Neben schnellen Pferden und gepanzerten Elefanten erscheinen Kanonen auf den Schlachtfeldern und mit Drehbüchsen ausgestattete Soldaten. Pampa Kampana – offensichtlich ist ihr Leben an das Schicksal der Stadt gebunden – ist mittlerweile auch sichtlich uralt und blind, sieht alles genau vor sich, obwohl hunderte Kilometer entfernt. Sie diktiert den Verlauf der Schlacht einer Schreiberin. Wie in einem griechischen Epos beschreibt sie den Untergang ihres Reiches. Erst als die Sieger die unbesiegbar geglaubte Stadt schleifen, ist das Reich Vijayanagar untergegangen und die Seherin stirbt … „Worte sind die einzigen Sieger“, so endet das epische Märchen. In Salman Rushdies glänzender „Nacherzählung“ beweist er einmal mehr, dass bei den Menschen die Machtgier Liebe und Gleichheit dominiert, – und das auf eine groteske, witzige Weise, mit der er den Leser durch die unglaublichen Geschehnisse treibt und mit verzaubert.

Letzte Änderung: 06.11.2023  |  Erstellt am: 06.11.2023

Victory City
 | © wikimedia commons

Salman Rushdie
 Victory City


Roman
Aus dem Englischen von Bernhard Robben
416 S., geb.
ISBN: 978-3-328-60294-1
Penguin Verlag, München 2023

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