Der Atem seiner Verfolger

Der Atem seiner Verfolger

Essays von Walter Benjamin
Ich packe meine Bibliothek aus | © Charlotte Joël, wikimedia commons

„Dem, was die Dichter selbst von ihren Schriften sagen, soll man niemals trauen.“, schrieb Walter Benjamin im Passagen-Werk. Wem aber dann? Benjamins Leben selbst ist von mindestens einer Handvoll Biographen so durchleuchtet worden, dass nahezu alle weißen Flecken getilgt sind und die schwarzen in mildem Licht erscheinen. Dass nun ein Bändchen mit seinen Artikeln veröffentlich wurde, die „Essays“ genannt werden, hat Martin Lüdke nicht beglückt.

Ob es am Alter liegt, ich weiß es nicht. Früher jedenfalls habe ich gerne Verrisse geschrieben, ein bisschen Sadismus spielte da sicher mit rein. Jetzt denke ich eher, das lohnt doch nicht von der knapper werdenden Lebenszeit etwas für eine Sache zu ver(sch)wenden, der durch schiere Ignoranz weit besser gedient sein sollte.

Doch flatterte mir in der letzten Woche ein kleines, schmales, aber sehr ansehnliches Bändchen, „Ich packe meine Bibliothek aus“, mit „Essays“ von Walter Benjamin ins Haus, wirklich hübsch aufgemacht. Einer alten Angewohnheit folgend, begann ich Lektüre hinten, also mit dem Nachwort, das mich anfangs etwas irritierte, schon bald aber ehrlich erstaunte und schließlich so empörte, dass ich mich entschloss, diesen Worten eines Herrn Bernd Schuchter, selbst wohl keine „Geistesgröße“, die er dem „Büchermenschen“ Benjamin und seinem Freundeskreis immerhin attestiert, einige Widerworte entgegenzusetzen. Benjamin als „Büchermenschen“ zu bezeichnen, das entspricht der Kennzeichnung von Kafkas Türhüter „Vor dem Gesetz“ als Hausdiener. Überhaupt schlingert die Sprache des Nachworts zwischen burschikoser Anbiederung und biederer Jovialität. Da wird Benjamin als „Vielleser“ bezeichnet, der den „Atem seiner Verfolger im Nacken“ spürt.
Dafür löst sich der Verfasser souverän von den historischen Vorgaben.

Mit so Kleinigkeiten, wie etwa dem Hinweis, dass ein gewisser „Max Polgar“, zusammen mit den erwähnten „Geistesgrößen des halben Europa“ in der neuen Welt untergekommen war, möchte ich mich schon deshalb nicht aufhalten, weil der Namensvetter Alfred Polgar, längst in Hollywood, wenn auch mühsam, angekommen, dort ein so karges Auskommen gefunden hatte, dass er weder Vetter noch Namensvetter hätte mit durchfüttern können. Darüber hat sich Polgar allerdings sehr reichlich ausgelassen, was sich übrigens in der sechsbändigen Ausgabe, die ihm Marcel Reich-Ranicki verdienstvollerweise zukommen ließ (Rowohlt Verlag, Hamburg), ebenso reichlich nachlesen lässt. Leider ist von einem doppelten Lottchen, sprich Polgar, in der Exilforschung noch nichts bekannt. Bekannt hingegen, dass Arnold Schönberg, Cheftrompeter der Zwölf-Ton-Musik, ebenfalls in Hollywood gelandet war. Thomas Mann hat ihm in seinem „Doktor Faustus“ ein höchst unerwünschtes Denkmal gesetzt. Um solchen Komplikationen aus dem Weg zu gehen, hat Schuchter auf Schönberg ebenso wie auf Kurt Weill, und einige andere deutschen Exilanten verzichtet und auf Gustav Mahler zurückgegriffen. Der Vorteil, der war erstens kein Zwölftoner und zweitens schon tot.

Der äußerst beschwerliche Weg über die Pyrenäen, der Benjamin bis zur völligen Erschöpfung strapaziert hatte, dürfte Gustav Mahler viel leichter gefallen. Denn Mahler war, zugegeben nach einigem Aufenthalt in Amerika, dann doch lieber in der Alten Welt gestorben, und zwar bereits 1911. Der Ruhm des Komponisten und großem Dirigenten mag sich also tatsächlich mit auf die „Fluchtroute“ über die „Schleichwege durch die Pyrenäen“ gemacht haben. Die sterblichen Überreste sind glücklicherweise in der Heimat verblieben. Nach solchem Aufwand scheint verständlich, dass es für ein Inhaltsverzeichnis der Stücke, gar für bibliographische Hinweise, nicht mehr gereicht hat. Was nach dem ‚Auspacken der Bibliothek’ noch folgt, das muss man sich, blätternd, selbst suchen, und wann, wo, wie und warum diese durchaus disparaten Stücke entstanden sind, das scheint die Leser, darf man folgern, schon mal gar nichts anzugehen. Es sind Gelegenheitsarbeiten gewesen, da und dort veröffentlicht, und sicher nicht das Stärkste, was Benjamin hinterlassen hat. Trotzdem hätten sie einen größeren editorischen Aufwand verdient.

Das Grab von Walter Benjamin war nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auffindbar. Die Ereignisse seiner letzten Tage sind durch seine Wegbegleiter bekannt geworden. Die verweigerte Einreise nach Spanien ließ ihm keine Wahl. Er war nach dem langen Fußmarsch über die Berge auch körperlich völlig am Ende. Er brachte sich um, nicht, wie Herr Schuchter meint, durch Schlaftabletten, sondern durch eine Überdosis Morphium. Die spanischen Grenzbeamten ließen danach den Rest der Gruppe die Grenze passieren. Über Portugal, Lissabon, erreichten sie die Neue Welt. Benjamins Grab wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nie wieder gefunden. Der israelische Künstler Dani Karavan hat ihm stattdessen am Ufer des Mittelmeers ein beeindruckendes Denkmal gesetzt.

Das hübsche kleine Büchlein aus dem sonst an sich schätzenswerten Limbus Verlag sollte man dagegen schnell vergessen. Der Suhrkamp Verlag bietet genügend Alternativen.

Letzte Änderung: 21.12.2023  |  Erstellt am: 20.12.2023

Ich packe meine Bibliothek aus | © Charlotte Joël, wikimedia commons

Walter Benjamin Ich packe meine Bibliothek aus

Essays
96 S., geb.
ISBN-13: 9783990392447
Limbus Preziosen
Limbus Verlag, Bernd Schuchter Mag., Innsbruck 2023

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Kommentare

Ralf Rath schreibt
Vor allem denen, die geistig, seelisch und körperlich mit ihren Kräften längst am Ende sind, bleibt auch heutzutage allein der Suizid, wenn der deutsche Vizekanzler erst jüngst am 22. Dezember 2023 in einer auf der Plattform X zugänglichen Rede behauptet, dass angesichts "grundsätzliche(r) Fragen ... wir ... nicht genug (tun)". Wäre Robert Habeck mit der Einrichtung einer modernen Gesellschaft vertraut, käme ihm solch eine Aufforderung, sich letztlich selbst das Leben zu nehmen, nicht über die Lippen. Spätestens der Bericht vom 11. Januar 2009 eines in Hamburg erscheinenden Nachrichtenmagazins mit dem Titel "Er hat nimmer können" zum Freitod eines überaus vermögenden Menschen ist dabei eine unmissverständliche Warnung, die aber offenkundig fortgesetzt bis auf die Gegenwart inzwischen sogar regierungsamtlich in den Wind geschlagen wird.

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