Spiel des Lebens

Spiel des Lebens

„Die Hochzeit des Figaro“ in der Frankfurter Oper
Kelsey Lauritano (Cherubino) und Elena Villalón (Susanna) | © Barbara Aumüller/Oper Frankfurt

Einen konkreten Punkt herauszunehmen, der diese Produktion besonders bestimmte, ist unmöglich. Es war das Zusammenspiel aller Komponenten des Musiktheaters, das in glücklicher Form ein Ganzes bildete. Leichtigkeit, Bewegung und Geschwindigkeit, unterbrochen von ruhigen, emotional berührenden Momenten, genau so, wie es Mozarts Musikdramaturgie vorsieht. Der Schlussapplaus euphorisch und verdient für diese beeindruckende Ensemblearbeit und vor allem für den neuen Generalmusikdirektor Thomas Guggeis, fand Andrea Richter.

Die Handlung mit den Worten Beaumarchais’: „Ein spanischer Grande, verliebt in ein junges Mädchen, dass er verführen will, und die Bemühungen, die diese Braut, ihren Bräutigam und die Frau des Granden vereinigen, um den Plan des absolut Herrschenden misslingen zu lassen, den sein Rang, sein Vermögen und seine Verschwendung allmächtig machen, zur Ausführung: das ist alles, nichts weiter.“

Die Aufführung: Kein Vorhang, die eintreffenden Zuschauer blicken auf einen schmucklosen, U-förmigen Schaukasten mit Wänden aus hellem Holz, darin ein niedriges, großes quadratisches Podest. Mit der Ouvertüre beginnt die Bewegung. Aus in die Seitenwände eingelassenen Drehtüren kommen die ersten Personen wie der Gärtner mit Gießkanne oder Frauen, die geschäftig hin- und hereilen oder Männer, die schmale Birkenstämme zu einer Art rudimentärem Triumphbogen zusammenbauen. Jemand stellt einen schlichten hölzernen Klappstuhl darunter, ein kleiner Brautschleier wird an die Lehne gehängt. Die Vorbereitungen für die Hochzeit von Susanna und Figaro laufen offensichtlich. Zum Ouvertüren-Schlussakkord öffnen sich mit einem Schlag sämtliche Drehtüren der Hinterwand und alle Akteure der kommenden Geschichte sind für einen Moment zu sehen.

Das in strengster Reduktion gehaltene Bühnenbild wird sich drei Akte lang nicht ändern, bis auf das mittige Podest, das sich hin und wieder dreht. Und doch oder gerade deshalb ist das Bühnenbild in der Verbindung mit Lichteffekten und minimaler Requisite-Ausstattung äußerst wandlungsfähig: vom großen Platz vorm bis zum intimen Innenraum im Palast des Grafenpaares. Denn durch die etwa 30 Drehtüren und eine Bodenklappe wirbeln großartig schauspielernde Sänger:innen (oder singende Schauspieler:innen ??) auf die und von der Bühne, verwirren, verzaubern, verstecken, verwandeln und unterhalten sich selbst dabei, den Anschein macht es zumindest, ganz sicher aber das Publikum in bester Comedia dell’arte-Manier auf künstlerisch höchstem Niveau. Nie weiß man, wer wo erscheint, wer wem aus dem Versteck einer nur halb geöffneten Drehtür zuschaut oder zuhört. Permanente, vorwärtstreibende Bewegung, witzige Gesten, zwischendurch hoch emotionale respektive komische Solo-Arien und Duette, Terzette, Quartette und mehr oder/und der Chor, der ganz nebenbei die schönsten Standbilder fürs Auge liefert. Als besonders witzig erweist sich die Figur des Grafen, der als selbstverliebter, geiler Gockel die ganzen Verwirrungen auslöst und später auf dem Höhepunkt der Gockelei bitter bereuen muss. Le Nozze di Figaro, dutzende Male gesehen, mit all den Intrigen und Spielereien immer verwirrend, wird plötzlich ganz klar. Das kann getrost als Meisterwerk der modernen Regie bezeichnet werden.

v.l.n.r. Kelsey Lauritano (Cherubino) und Adriana González (Gräfin Almaviva) | © Foto: Barbara Aumüller

Unter anderem wegen der sekundengenauen Choreografie und der Kostüme. Sie unterstreichen die Zeitlosigkeit des Werks, wiederholen die Moden aus den verschiedensten Jahrhunderten. Da sind die Gräfin in roter spanischer Spitze mit passenden Pumps, Susanna mit Sportleggings unter der senfgelben, vorne mini-rockkurzen Seidenrobe und Turnschuhen, Figaro in lässiger blassrosa/weißer Freizeitkleidung, der Graf in pinkem Seidenanzug feinster Machart, Marcellina in einem Comedia dell’arte Clownsromben-Kostüm, Cherubino in lässigen Jogginghosen mit langem, weitem Hemd oder Barbarina und weitere Mädchen in Mangakostümen neben dem spießigen, braun-beigen Anzug von Musiklehrer Basilio sowie die Damen des Chors in hinreißend kitschiger Hochzeitsfest-Üppigkeit.

Die Musik: Sowieso einzigartig, vielschichtig, genial von Komponistenseite, dem Libretto auf den Leib geschneidert. Das Orchester unter dem Dirigat des erst 30-jährigen Guggeis, der auch das Hammerklavier spielte, anfangs zu ambitioniert laut, so dass die Sänger:innen dagegen ankämpfen mussten. Dafür gab es kichernde Bläser und Streicher-Pizzicati, kleine Freiräume für Gesangsimprovisationen (zur Zeit Mozarts üblich), überraschende Tempi, die mit den Überraschungsmomenten der Handlung korrelierten, Rezitative zu denen das Hammerklavier Motive aus der Oper aufnahm und viele Punkte mehr. Manches passierte gegen die Hörgewohnheit, wie beispielsweise Cherubinos erste Arie „Non so più cosa son, cosa faccio…“. Der Junge ist dermaßen nervös und gleichzeitig verlegen, dass er Susanna völlig überstürzt, in rasender Geschwindigkeit von seinen Gefühlen zu berichten beginnt. Oh Gott, die schöne Arie, der erste Gedanke. Nachdem alles Wichtige aus ihm rausgeplatzt ist, wird er langsamer, musikalisch ist zu erleben, wie er nachdenkt um schließlich ganz langsam zu begreifen, dass er gerade etwas Großartiges erlebt: die erste Liebe. Abweichend vom einheitlichen Metrum innerhalb der Arie, lässt diese Interpretation die Zuhörerin an seinem Erkenntnis-Prozess noch intensiver teilhaben. Überhaupt: jede Sänger:in (inklusive Chor!) bekam trotz des ungeheuer intensiven Ineinandergreifens von Musik- und Handlungszahnrädern des Ensembles als Hauptakteuer, seinen Moment des Alleinstellungs-Glanzes, und jede:r wusste ihn meisterhaft zu nutzen. Immer wieder Zwischenapplaus für Einzelne und Mehrere.

Alles in allem: Mit schwebend leichtem Gefühl und dem Gedanken: ‚Da capo, das möchte ich gleich nochmal hören und sehen’, stimmte die Zuschauer:in in den Jubel ein. Beste Unterhaltung bei durchaus kritischen Fragestellungen, wollten Mozart und Da Ponte nicht genau das erreichen?

Die anschließende 7. Auszeichnung als „Opernhaus des Jahres“, diesmal in gleich vier Kategorien, war eine gute Vorlage für Kulturdezernentin Hartwig, die sehr zeitnahe Entscheidung für den langdiskutierten Neubau der maroden Oper anzukündigen. Diese Hochzeit des Figaro spielte den städtischen Entscheidern jedenfalls ein weiteres glänzendes Argument für einen wirklich guten, neuen Tempel der Kunst in Frankfurt in die Hände.

Letzte Änderung: 05.10.2023  |  Erstellt am: 03.10.2023

Le Nozze Di Figaro
Oper in vier Akten
Musik Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)
Text Lorenzo Da Ponte (1749-1838)
nach Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais (1732-1799) Le mariage de Figaro
Uraufführung 1786, Burgtheater Wien

Musikalische Leitung/ Thomas Guggeis
Hammerklavier
Inszenierung Tilmann Köhler
Bühnenbild Karoly Risz
Kostüme Susanne Uhl
Licht Joachim Klein
Choreografische Mitarbeit Gal Fefferman
Chor Tilman Michael
Dramaturgie Zsolt Horpácsy

Mitwirkende

Figaro Kihwan Sim
Susanna Elena Villalón
Graf Almaviva Danylo Matviienko
Gräfin Almaviva Adriana González
Cherubino Kelsey Lauritano
Marcellina Cecelia Hall
Bartolo Donato Di Stefano
Basilio / Don Curzio Magnus Dietrich
Barbarina Idil Kutay
Antonio Franz Mayer

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Weitere Vorstellungen: 6., 8., 12., 21. Oktober, 28. und 30. Dezember 2023 sowie 5., 7., 18. und 21. Januar 2024

Oper Frankfurt

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