Himmlische Ungeheuer

Himmlische Ungeheuer

Roland Bodens „Pneumopteria“
Himmels-Leviathan. Detail der bemalten Kassettendecke der Sankt-Martins-Kirche zu Zillis/Graubünden, um 1114

Unter dem Titel „Pneumopteria“ hat der Berliner Künstler Roland Boden historische Zeichnungen, computergenerierte Bilder, eigene Fotos und verschiedene Texte zu einer großangelegten Geschichte jener ausgestorbenen Gattung veröffentlicht, die wissenschaftlich als Pneumopteria und volksmündlich als Himmelsleviathan bezeichnet wird. Es ist ein künstlerisches Projekt, das als eine Mischung aus fiktionaler und systematischer Recherche daherkommt und ästhetische Sichtweisen und allgemeine Wahrnehmungsgewohnheiten hinterfragen möchte. Stefana Sabin war von der Darstellung fasziniert.

Das Wort ‚Leviathan‘ stammt aus dem Hebräischen und bedeutet „der sich Windende.“ In der biblischen Mythologie ist ein Leviathan ein kosmisches Seeungeheuer: eine Kreuzung aus Krokodil, Wal und Schlange, jedenfalls ein Drache, der meist mehrere Köpfe hat und sich Gott entgegenstellt ̶ und der von Gott besiegt wird, vgl. Psalm 74,14: als Gott „die Köpfe des Leviathan zerschlagen und ihn zum Fraß gegeben dem wilden Getier.“

Ob ein Drachentier und eine Allegorie auf die vernichtende Kraft des Meeres, wie im Judentum, oder eine teuflische Kreatur, die für Chaos und Unordnung steht, wie im Christentum: Leviathan ist ein Ungeheuer, das Furcht einflößt. Und auch jene Wesen, die als Himmelsleviathane bezeichnet werden, sind Ungeheuer, nur, daß sie nicht im Wasser, sondern eben in der Luft gelebt haben sollen. Diese ‚Pneumopterien‘ genannten Wesen sollen gigantisch gewesen sein und wolkenähnlich frei in der Luft geschwebt haben, aber wegen einer angeblichen Superempfindlichkeit für elektromagnetische Strahlung ausgestorben sein.

Darstellung eines grimmen Himmels-Leviathans. Kupferstich, um 1620

Ob es die Pneumopterien tatsächlich gegeben hat oder ob sie vielmehr dem Fabelreich angehören, ist unklar, aber wie mit anderen ausgestorbenen Tieren, die durch Form und Maß unheimlich wirken, hat sich um diese Ungeheuer am Himmel eine regelrechte Mythologie entwickelt, der nun der Künstler Roland Boden ein langjähriges Projekt gewidmet hat.

Boden gibt vor, von der Existenz der Pneumopterien überzeugt zu sein. So bietet er eine Einführung ins Wesen der Pneumopterien, erzählt die Geschichte ihrer Erforschung und stellt verschiedene, manchmal widersprüchliche Theorien über ihre Entstehung und Verschwinden vor; er trägt dokumentarisches Material zusammen und reichert es durch computergenerierte Bilder und Fotos an; und er setzt eigenen Reiseberichten und Lektüreeindrücken wissenschaftliche und literarische Texte entgegen ̶ und vermischt und verwischt so fiktionale und sachliche Darstellung.

Denn Bodens Beschäftigung mit den Pneumopterien ist ein künstlerisches Projekt (gefördert durch die Stiftung Kunstfonds zur Förderung der zeitgenössischen bildenden Kunst), das er als „fiktionale Recherche“ bezeichnet und das gerade aus der Grenzüberschreitung zwischen Sachlichkeit und Fiktion seinen Reiz bezieht. Die Ergebnisse dieser Recherche hat Boden zu einem schön gestalteten Buch zusammengetragen, das für eine besondere Lektüre zwischen Anschauen und Anzweifeln sorgt.
 
 
 
 
Die Abbildungen sind dem Buch „Pneumopteria“ entnommen.

Letzte Änderung: 19.07.2023  |  Erstellt am: 15.07.2023

Pneumopteria

Roland Boden Pneumopteria

Vom Schweben im Raum
Deutsch/Englisch
232 S., geb.
ISBN: 978-3-98741-049-9
Kettler Verlag, Dortmund 2023

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